Telemedizin im Aufwind

13.07.2020
Videosprechstunde & Co sind in Zeiten der Corona-Pandemie gefragt wie nie. Im Interview mit Vertreterinnen und Vertretern von Patienten-, Krankenkassen- und Krankenhausseite gehen die bvitg-Referentinnen Kim Becker und Susanne Koch dem Potenzial, aber auch den anstehenden Herausforderungen auf den Grund.

Prof. Dr. Claudia Schmidtke, Patienten-beauftragte der Bundesregierung

© Olaf Malzahn

In Zeiten der Corona-Pandemie: Wo stehen wir bei der Telemedizin?

Die Politik hat in den letzten Jahren ihren gesetzlichen Beitrag geleistet, um Incentives unter anderem bei der Abrechnung zu schaffen. Als die Pandemie uns die Vermeidung von körperlichem Kontakt auferlegte, haben viele Patienten und Ärzte festgestellt: Telemedizin hilft! Das gibt uns enormen Rückenwind, den wir nutzen sollten.

Und wie machen wir das?

Es gilt nun, das System zu optimieren – unter anderem über kompatible Ergänzungen durch das E-Rezept, den digitalen gelben Schein und natürlich die ePA insgesamt. Für mich war aber immer entscheidend, dass Digitalisierung nicht als Selbstzweck, sondern vom Patientennutzen her gedacht werden muss. Und die Patienten haben nun die Segel gesetzt.

Stefanie Stoff-Ahnis, Vorstand GKV-Spitzenverband

© GKV-Spitzenverband

Für wie wichtig halten Sie digitale Ansätze in der Versorgung wie z. B. Videosprechstunden für gesetzlich Versicherte?

Aus den letzten Wochen lässt sich diese positive Erfahrung ziehen: Vieles geht auch digital, vielleicht sogar mehr und besser als Skeptiker vor der Corona-Pandemie dachten. Das virtuelle Sprechzimmer ist eine sinnvolle Ergänzung – auch wenn der Goldstandard der direkte Arzt-Patienten-Kontakt in einem Raum bleiben sollte. Daher hatten wir bereits Ende 2019 die Videosprechstunde strukturiert und aufgewertet.

Was kann man für die Zukunft bei der digitalen Versorgung noch erwarten?

Ich bin da nah beim Autor de Saint-Exupéry: Die Zukunft sollte man möglich machen. In diesem Sinn wollen wir technische Lösungen, die die medizinische Patientenversorgung verbessern und echte Effekte haben.

Prof. Dr. Gernot Marx, Klinikdirektor der Klinik für Operative Intensivmedizin und Intermediate Care des Universitätsklinikums Aachen

© Universitätsklinikum Aachen

Welche Vorteile bringt das Digitale Krankenhaus vor allem mit dem Fokus auf die Telemedizin für Leistungserbringer?

Man kann unabhängig von Ort und Zeit die Expertisen zum Patienten sowie zu den Kolleginnen und Kollegen bringen. Gerade beim Thema Intensivmedizin, bei dem es manchmal sehr zeitkritisch ist, kann man Diagnosen stellen und Therapien einleiten. Hier werden die jeweilige Expertise und Kompetenz digital sehr gut zusammengeführt und vernetzt. Am Ende hat der Patient einen sehr großen Benefit davon. Das ist wissenschaftlich in Studien belegt.

Was müsste Ihrer Meinung nach politisch passieren, um Telemedizin in die Regelversorgung zu integrieren?

Wir sind auf einem guten Weg. Bundesminister Spahn hat in den letzten drei Jahren sehr viel induziert und führt konsequent fort, was sein Vorgänger mit dem E-Health-Gesetz begonnen hat.

Es gibt aber noch Themen, die es voranzubringen gilt. Es muss klare, relativ einfache Vergütungsregeln geben, die den erhöhten Aufwand auch finanziell darstellen. Dies beginnt im ambulanten Bereich und in ersten Ansätzen zwischen stationär und ambulant. Wo noch sehr viel zu tun ist, ist im stationär-stationären Bereich. Hier sind dringend Regelungen erforderlich. Ich bin aber zuversichtlich, dass wir in der näheren Zukunft wichtige Schritte vorangehen können. Durch die Corona-Krise wird der Benefit von digitalen Versorgungsmöglichkeiten, wie dem Virtuellen Krankenhaus NRW, allen vor Augen geführt. Dies wird die Dynamik erhöhen.

Dieser Text erschien zuerst in der Ausgabe 03|2020 der E-HEALTH-COM.