Deutschland braucht ein eHealth-Zielbild

28.11.2018
eHealth Strategie

Kurze Innovations- und Produktzyklen fordern alteingesessene und traditionsgeprägte Prozesse heraus, eine gesellschafts- und branchenübergreifende Vernetzung eröffnet neue Geschäftsmodelle und die „Plattformisierung“ der Wirtschaft durchdringt und prägt alle Bereiche der Gesellschaft. Dies gilt auch für den Gesundheitsbereich, bei dem neben klassischen gesundheitspolitischen Fragen auch wirtschafts- und forschungspolitische Themen betroffen sind. Die Digitalisierung des Gesundheitssystems führt aktuell von einer Veränderung einzelner Versorgungsprozesse bis hin zur grundlegenden Transformation der Versorgung selbst: u. a. Aufhebung der Sektorengrenzen, individualisierte Behandlung oder Präzisionsmedizin. Im Mittelpunkt steht dabei der Patient, der von einer passiven Teilnahme im Gesundheitssystem nunmehr ins Zentrum der Versorgung rückt und durch die Frei- und Weitergabe seiner Daten aktiv die eigene Behandlung steuert.

Das eHealth-Zielbild als strategische Basis
Um diese weitreichenden Transformationsprozesse aktiv zu gestalten, haben bereits verschiedene Staaten ein sogenanntes eHealth-Zielbild und, daraus abgeleitet, eine umfassende eHealth-Strategie erarbeitet und implementiert. Die Regierungen von Estland, Dänemark und den Vereinigten Staaten von Amerika haben erkannt, dass es zur Digitalisierung im Gesundheitssystem neben einzelnen Gesetzesanpassungen und -änderungen, die auf Teilbereiche oder -branchen abzielen, einer klaren Vision sowie einer eindeutigen Zielbeschreibung bedarf, die gemeinsam von allen an der Versorgung beteiligten Stakeholdern mitentwickelt wird. In anderen Bereichen gibt es vergleichbare Strategien und Zielbildprozesse bereits in Hülle und Fülle: Das „Grünbuch Digitale Plattformen“, das „Weißbuch Arbeiten 4.0“, „Industrie 4.0“ und die Hightech-Strategie der Bundesregierung sind Paradebeispiele für Dialogprozesse, durch die ressortübergreifend ordnungspolitische Handlungsempfehlungen zur erfolgreichen digitalen Transformation erarbeitet wurden. So wurde zum Beispiel im Rahmen des Dialogprozesses rund um das „Grünbuch Digitale Plattformen“ per gemeinsamer Workshops im Bundesministerium für Wirtschaft und Energie (BMWi) mit allen Beteiligten ein Anpassungsbedarf des Wettbewerbsrechts identifiziert, bei dem die bestehenden Gesetze an den Wettbewerb in der digitalen Wirtschaft angeglichen werden. Das „Grünbuch“ war letztendlich der Impulsgeber für die im Jahr 2017 verabschiedete Novelle des Gesetzes gegen Wettbewerbsbeschränkungen (GWB).

eHealth-Zielbild fehlt bisher
Laut dem vor einigen Monaten veröffentlichten Index für die digitale Wirtschaft und Gesellschaft (DESI), belegt Deutschland im Bereich „digitale Gesundheitsdienstleistungen“ einen „ruhmlosen“ vorletzten Platz. Es bleibt die offene Frage, wieso ein derartiges eHealth-Zielbild bzw. ein Dialogprozess angesichts des offensichtlichen Bedarfs für die Digitalisierung des Gesundheitssystems noch immer nicht existiert. So schreibt die Bundesregierung im Koalitionsvertrag zwar: „Wir werden das bestehende E-Health-Gesetz im Zuge technologischer Innovationen im Dialog mit allen Akteuren weiterentwickeln und einen konkreten Aktionsplan bis 2020 mit Maßnahmen und Meilensteinen aufstellen“, doch bis dato wurde davon noch nichts umgesetzt. Den Bedarf einer Dialogplattform zur Gestaltung eines eHealth-Zielbildes hat zuletzt das Bundesministerium für Bildung und Forschung in seiner Hightech-Strategie 2025 ausformuliert: in der „Roadmap“ zur Entwicklung und Umsetzung innovativer eHealth-Lösungen und Etablierung einer Dialog-Plattform „Digitale Gesundheit“. Zusätzlich hat im Januar eine branchenübergreifende Verbändeinitiative aus Medizintechnik, Diagnostik, Pharma und IT ein gemeinsames Diskussionspapier veröffentlicht, in dem die Fachverbände zu einer ressortübergreifenden und moderierten Dialogplattform eHealth aufrufen.

Fazit
Da das zuständige Bundesministerium für Gesundheit (BMG) derzeit unter Hochdruck am Referentenentwurf für das angekündigte Digitalisierungsgesetz arbeitet, eröffnet dies die einzigartige Chance, bereits jetzt den eHealth-Dialogprozess zu initiieren. Die Erarbeitung eines Zielbildes bedarf einer dauerhaften Plattform und den kontinuierlichen Dialog mit allen Beteiligten. Je früher dieser Prozess gestartet wird, desto schneller können die Weichen für eine erfolgreiche Digitalisierung gestellt werden und den Versorgungsalltag der Patienten spürbar entlasten und verbessern.

bvitg-Monitor - E-HEALTH-COM 6/2018

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